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Syrien: Über 2 Millionen Flüchtlinge suchen Schutz vor Krieg und Gewalt

03. September 2013 - Die Vereinten Nationen haben bekannt gegeben, dass die Zahl der Flüchtlinge aus Syrien den traurigen Höchststand von zwei Millionen erreicht hat - darunter mindestens eine Million Kinder, viele von ihnen jünger als elf Jahre.

Von Charlotte Phillips
Researcherin von Amnesty International für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten

Es ist schwer, sich nicht vom Umfang und der Brutalität des Syrien-Konflikts, den massenhaften Vertreibungen und dem Leid zahlloser Menschen überwältigt zu fühlen.

António Guterres, der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, hat den syrischen Konflikt als "die große Tragödie dieses Jahrhunderts - eine beschämende humanitäre Katastrophe mit Leid und Vertreibung in einem Ausmaß, welches in der neueren Geschichte beispiellos ist", beschrieben.

Diese Situation hat sich in den vergangenen Wochen noch einmal rapide verschlechtert, nachdem Videos aufgetauchten, die unzählige zivile Opfer eines vermeintlichen Chemiewaffenangriffs vor den Toren von Damaskus zeigten.

In den vergangenen 24 Stunden haben die Vereinten Nationen bekannt gegeben, dass die Zahl der Flüchtlinge aus Syrien den traurigen Höchststand von zwei Millionen erreicht hat - darunter mindestens eine Million Kinder, viele von ihnen jünger als elf Jahre. Doch wie bei allen Statistiken sind die nackten Zahlen nur die halbe Wahrheit. Hinter jeder Zahl verbirgt sich das Schicksal eines Menschen, der unvorstellbare Verluste erlitten hat.

Im internationalen Amnesty-Sekretariat in London erreichen uns fast täglich Anrufe und E-Mails von diesen Menschen und Familien. Viele von Ihnen befinden sich momentan in Syriens Nachbarländern, wie dem Libanon, Jordanien, der Türkei, dem Irak und Ägypten. Immer mehr melden sich aber auch aus weiter entfernten Staaten.

Die Menschen wenden sich an uns in der Hoffnung auf Hilfe, Rat, materielle Unterstützung und den Schutz ihrer Rechte. Sie möchten sich ein neues Leben aufbauen und viele sind mittlerweile der Überzeugung, dass dies nur in einem dritten, sicheren Land möglich ist.

Nach allem Schmerz und Leid, welches sie in Syrien erfahren haben, ist auch ihr Leben als Flüchtling in den Nachbarländern extrem problematisch.

Meine Kolleginnen und Kollegen und ich sind vor kurzem aus dem Flüchtlingscamp Za'atri in Jordanien zurückgekehrt, welches sich zum zweitgrößten Flüchtlingscamp der Welt, nach dem sich ebenfalls weiter ausbreitenden Camp Dadaab in Kenia, entwickelt hat. Mittlerweile ist es inoffiziell zur viertgrößten Stadt Jordaniens herangewachsen.

Derzeit beherbergt das Camp Za'atri fast 130.000 Flüchtlinge aus Syrien. Unter ihnen sind zahlreiche Kinder und andere schutzbedürftige Personen, die teilweise durch Folter schwer verletzt oder krank wurden. Andere sind wiederum von hohem Alter oder haben Behinderungen.

Die UN und andere Organisationen vor Ort haben die internationale Gemeinschaft bereits des Öfteren um Hilfsgelder gebeten, denn trotz einiger Großspenden fehlt es weiterhin an Lebensmitteln, Bildung, einer verlässlicheren Wasserversorgung und Unterkünften. Und das ist nicht nur in Za'atri oder Jordanien der Fall, überall fehlt es an Geld, um die Flüchtlinge vernünftig zu schützen und ihnen zu helfen.

Dasselbe gilt für die gesamte Region: Flüchtlinge müssen vor allem in Gemeinden um den Zugang zu adäquater Versorgung kämpfen. Die Gastländer drohen unter dieser Belastung zu kollabieren. Gerade diese Staaten sehen sich enormen ökonomischen und politischen Herausforderungen aufgrund des Zustroms an Flüchtlingen gegenüber. Der steigende Druck auf die lokalen Versorger erhöht währenddessen auch die Spannungen zwischen Flüchtlingen und den betroffenen Gemeinden.

Viele stellten sich in den vergangenen Tagen und Monaten die Frage: Was kann getan werden?

Da in Syrien keine politische Lösung in Sicht ist, wäre es das Mindeste, jenen, die mit ihrem Leben davonkamen, eine Existenz in Sicherheit und Würde zu ermöglichen. Die UN rechnen zurzeit mit rund 3 Milliarden US-Dollar, um den Bedarf der Flüchtlinge abzudecken und hat daher im Juni das größte Hilfsprogramm ihrer Geschichte aufgelegt. Bis heute befinden sich die Vereinigten Staaten, Kuwait und die Europäische Kommission unter den größten Gebern. Doch trotz allem sind derzeit nur 40 Prozent des Programms finanziert. Die Länder, die dazu in der Lage sind, das heißt die europäischen Staaten, Nordamerika, die Golfstaaten und andere, sollten ihre Unterstützung erhöhen und sich auf dauerhafte, langfristige Hilfszahlungen für die Nachbarn Syriens einstellen.

Aber das alleine wird die Flüchtlingskrise nicht entschärfen. Geberländer sollten sich darauf vorbereiten, den schutzbedürftigsten Flüchtlingen aus der Region zu ermöglichen sich in ihren Staaten, mittels Resettlement und humanitären Aufnahmeprogrammen, ein neues Zuhause zu schaffen. Dies würde nicht nur für die Flüchtlinge einen Rettungsanker darstellen, sondern auch den Nachbarländern einen Teil der Last von den Schultern nehmen.

Während sich Deutschland zur Aufnahme von 5.000 Flüchtlingen im Rahmen einer humanitären Soforthilfe bereiterklärt hat, fallen die Antworten anderer Staaten weit zurückhaltender aus.

Wenn Sie in einem Land leben, das sich für die syrischen Flüchtlinge einsetzen kann und soll, ist nun die Zeit gekommen, sich an ihre Regierung zu wenden und sie um die Ausweitung ihrer Unterstützung zu bitten. In den vergangenen Tagen war häufig die Rede von Dingen, die die internationale Gemeinschaft in Bezug auf den syrischen Konflikt tun oder lassen sollte. Die Unterstützung der Flüchtlinge ist definitiv eine Aufgabe, die sie leisten kann und in viel größerem Umfang leisten muss.