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"Ich möchte, dass die ganze Welt von uns weiß…"

Viele Flüchtlinge kommen derzeit auf der griechischen Insel Lesbos an. Unsere MitarbeiterInnen fanden dort viel Verzweiflung und Not - aber auch Grund für Hoffnung.

    Von Giorgos Kosmopoulos, Kampagnenkoordinator des EU-Teams von Amnesty International und Carmen Dupont, EU-Kampagnenkoordinatorin für Migration.

Eine Reise nach Griechenland verbinden viele Personen mit dem Gedanken von Sonne und Freizeit. Auch wenn die Sonne scheint und das Meer verführerisch blau ist, ist dieses Meer für andere dunkel und gefährlich.

Nach unserer Ankunft in Lesbos, einer Insel in der Nähe der Türkei, sahen wir als Erstes auf unserem Weg vom Flughafen Rucksäcke und Kleidungsstücke, die verstreut am Strand lagen. „Hier sind heute morgen irreguläre Migranten angekommen“, sagte der Taxifahrer gleichgültig.

27 Menschen (überwiegend Afghanen) versuchten letzten Dezember Griechenland zu erreichen und ertranken an der Küste von Lesbos, nachdem ihr Boot gekentert war. Nur ein 16-Jähriger afghanischer Junge überlebte.

Unsere Gedanken wandern zurück zu unserem nur wenige Tage zurückliegenden Besuch in einer der vielen Haftanstalten Athens und zu den Häusern, wo Menschen leben, die vor dem Syrienkonflikt geflohen sind. Bahrir, Ralya und Alia kamen unter ähnlichen Umständen nach Griechenland.

Wir trafen die zehnjährige Ralya am ersten Tag unseres Athen-Besuches. Sie lief barfuß auf dem kalten Boden eines verwahrlosten Hauses, in dem kein anderer leben wollte. Ihre Familie zahlt jeden Monat 165 Euro Miete. Sie haben Syrien wegen des Konflikts verlassen. Sie lebt da mit ihrem Vater und ihren Geschwistern, während ihre Mutter in Deutschland lebt.

„Das Plastikboot, das uns über den Fluss Evros getragen hat, sank und wir wurden von meiner Frau getrennt“, erklärte uns der Vater. Brahim, einer seiner Söhne, ist 15 Jahre alt. Er erzählte uns, dass er gerne Fußball spielt und viele Tore für sein Team schießt. Brahim kam eines Tages blutend nach Hause. Er wurde von einer Gruppe schwarz gekleideter Männer attackiert. Er erinnert sich, dass einer von ihnen „Schlagt ihn, schlagt ihn“ brüllte. In den letzten Jahren sind Asylsuchende und illegale Migranten in Griechenland einer neuen Bedrohung ausgesetzt – dem dramatischen Anstieg rassistischer Übergriffe durch Mitglieder rechtsextremistischer Gruppen.

Am Tag danach, waren wir in einer kalten Zelle in der „Petrou Ralli“ Haftanstalt in Athen. Wir trafen Alia, eine Frau aus einem afrikanischen Land. Sie sprach laut, ihr war es egal ob die Wachmänner sie hören konnten oder nicht. „Ich möchte, dass die ganze Welt von uns weiß“, sagte sie. Sie stellte einen Asylantrag und man sagte ihr, dass sie für zwölf Monate eingesperrt werde. „Ich werde verrückt“ setzte sie fort, „ich habe nichts falsch gemacht und werde dennoch bestraft“.

Alia sagte uns, dass sie gerne schreibt. Die Wachmänner haben ihr Papier gegeben aber keinen Stift. „Ab und zu können wir etwas Zeit an der frischen Luft verbringen, aber nicht jeden Tag,“ sagte sie. Sie erzählte uns, wie eines Tages Frauen während ihrer Zeit draußen spontan angefangen hätten zu singen und zu tanzen. Daraufhin hätten die Wachen sie sofort angeschrien und aufgefordert aufzuhören. „Ich bitte alle, die Menschlichkeit besitzen: Bitte helfen Sie uns!“

Zurück in Lesbos, als wir unser Ziel erreicht hatten, kam unser Taxi plötzlich zum Halten. Und so erinnerten wir uns an unsere ursprüngliche Aufgabe, den Grund, weshalb wir hierher gekommen waren: Wir waren da, um mit den Leuten auf der Insel zu sprechen. Und trotz der düsteren Situation hat uns das, was sie sagten, Mut gemacht.

Dass Flüchtlinge und Migranten an den Küsten ihrer Insel ankommen, gehört zu ihrem Alltag. Seit dem letzten Sommer sind viele Asylsuchende und irreguläre Migranten in Lesbos angekommen und unter schlechten Bedingungen in Polizeistationen auf der Insel inhaftiert worden – Personen, die nicht inhaftiert wurden, ließ man ohne Obdach.

Aber die Menschen auf der Insel sprangen ein, um zu helfen. Unter den Initiativen war auch ein neugegründetes Netzwerk, das Neuankömmlingen hilft. Es nennt sich „Village of all together“ („Dorf für alle zusammen“).

„Während des letzten Jahres haben wir mehr und mehr Menschen ankommen sehen“, erzählten uns einige Bewohner von Lesbos. „Diese Menschen waren offensichtlich in Not. Viele von uns engagierten sich und halfen ihnen. Im Grunde haben wir für sie getan, was wir für jeden in Not tun würden.“

Das war nur eine von vielen Geschichten über Solidarität, die wir in den letzten Tagen gehört haben. Über viele dieser solidarischen Aktivitäten wird nicht berichtet, was nicht heißt, dass sie die Menschen in Not nicht erreichen.

Solch ein Einsatz von ganz gewöhnlichen Leuten in Griechenland und überall, sollte die Regierungen Europas an ihre Pflicht erinnern, Rechte von Migranten und Asylsuchenden zu wahren und zu respektieren.

Dieser Beitrag wurde zuerst im Amnesty-Blog "Livewire" in englischer Sprache veröffentlicht: http://livewire.amnesty.org/2013/02/18/i-want-all-the-world-to-know-about-us/