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Flüchtlingsarbeit: Ein Bündnis und seine sieben Arbeitskreise

Von: Carsten Rose
Letzte Aktualisierung: 2. Dezember 2014, 19:58 Uhr

Aachen. Vielschichtig waren die Themen und Erfahrungen, klar formuliert die Anliegen, zielgerichtet die vorläufige Ausformulierung der Arbeitsstrukturen: Das Aachener Bündnis für Flüchtlinge hat am Montagabend die theoretische Grundlage für sieben Arbeitsgruppen gebildet, um der Flüchtlings-Thematik in Aachen effektiv und effizient zu begegnen.

In der gut zweistündigen Runde herrschte vornehmlich Konsens – und das im Ratssitzungssaal.

Gut 80 Vertreter von Verbänden, Institutionen, Organisationen und aus der Politik diskutierten konstruktiv. Der erste gemeinsame Nenner: Aachen ist nach Aussagen von Bürgermeisterin Hilde Scheidt und Sozialdezernent Manfred Sicking im Vergleich zu anderen (Groß-)Städten im Umgang mit Flüchtlingen bereits relativ weit. Als Beispiel wurde unter anderem das „Eilendorfer Bündnis für Integration“ genannt. Der zweite gemeinsame Nenner: Probleme und Arbeitsaufwand werden nicht geringer, vor allem da die Zahl der Zufluchtsuchenden pro Monat nun bei über 100 liegt – Tendenz steigend und zwar kontinuierlich auf hohem Niveau. Flüchtlingszahl wird steigen

Bis Juli dieses Jahres lag der Wert noch quartalsweise bei 40. Insgesamt beheimatet Aachen laut Sicking momentan 850 Flüchtlinge. „Die Stadtverwaltung schafft die Arbeit nicht alleine, da müssen wir alle gemeinsam anpacken“, gab Sozialamtsleiter Heinrich Emonts die Marschroute der Sitzung vor.

Am Ende der Diskussionsrunde konnte Emonts eine Liste mit sieben Arbeitsbereichen verlesen, die es in den kommenden Tagen und Wochen mit Kleingruppen samt einem verantwortlichen Leiter inhaltlich zu konkretisieren gilt. Zum ersten Arbeitsbereich zählt die Spendenakquise und -verteilung. Die Alltagsberatung für Flüchtlinge sowie die Schulung von ehrenamtlichen Helfern gehören zum zweiten Bereich. Aufgrund der zu erwartenden Mehrarbeit in den kommenden Monaten sprach sich vor allem Gabriele Niemann-Cremer von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) für Fortbildungen von ehrenamtlich engagierten Bürgern aus. Anna Klein vom Katholischen Verein für soziale Dienste (SKM) befürwortete mehr „Hauptamt“ zur Unterstützung.

Bildung und Sprache bilden die Kernpunkte von Themenfeld drei. Aus etlichen Wortmeldungen zu diesem Bereich kristallisierte sich eine Aufgabe deutlich heraus: Sprachkurs-Angebote müssen dringend erweitert werden. Ingeborg Heck-Böckler von Amnesty International erkannte hierbei „große Lücken“.

Besonders in Sachen Bildung will sich ein anwesender ehemaliger iranischer Flüchtling engagieren. Reza Mehraeen, seit 18 Jahren in Aachen, sprach aus eigener Erfahrung: „Mir wurde damals viel verschwiegen, ich musste Dinge selber herausfinden.“ Er sehe aber bereits „sehr gute Arbeit“ in der Kaiserstadt.

Der vierte Arbeitsbereich Wohnraumbeschaffung wurde direkt in die Hände des Fachbereichs für Soziales und Integration übergeben. Für die Koordination des Netzwerks wird sich die Caritas Aachen unter Vorsitz von Bernhard Verholen federführend verantwortlich zeigen. Punkt sechs betrifft besonders die Betreuung von Jugendlichen. Diese stehen in ihrer Entwicklung gleich vor zwei wichtigen wie schwierigen Übergängen: einerseits vom Jugendalter zur Volljährigkeit, andererseits vom Schulalltag in die Arbeitswelt. Das Kommunale Integrationszentrum der Stadt und der Städteregion wird sich von nun an mit der Ausarbeitung dieses Feldes beschäftigen. Mit eingeschlossen sind alle Anliegen, die das Asylbewerberleistungsgesetz betreffen.

Psychologisch-soziale Beratung, Beschwerdemanagement sowie der Bereich Übersetzung sind in der Arbeitsgruppe sieben zusammengefasst. Mit der psychologisch-sozialen Beratung ist konkret die Traumaberatung gemeint. Das Pädagogische Zentrum (PÄZ) erfahre hierbei schon länger „viele Anfragen“, bevorzugt würden jungen unbegleitete Flüchtlinge. Das PÄZ stoße mit seinen zwei Psychologinnen aber bereits an seine Grenzen.

Polizeioberrat Martin Hartmann von der Bundespolizei Aachen erklärte sich bereit, den Teilbereich Übersetzung zu leiten. Er machte deutlich, dass es an ausreichend Dolmetschern fehle. „Die Menschen sitzen teilweise neun Stunden auf der Leitstelle, weil uns auch besonders Sprachmittler für Französisch fehlen“, zeigte Hartmann trotz Dreiländereck einen bedeutenden Engpass auf. Flüchtlinge würden bereits untereinander als Dolmetscher fungieren – daher will Hartmann um Sprachmittler aus der Umgebung werben. Wichtige Hausaufgaben

Oberbürgermeister Philipp zeigte sich mit den Ergebnissen der ersten Runde dieser Art zufrieden: „Der Startschuss einer besseren Strukturierung ist erfolgt. Alle Dinge, die wir brauchen, hatten wir heute am Tisch.“ Nun stehen für alle Beteiligten wichtige Hausaufgaben an. Ganz oben auf der Liste: die Bestandsaufname bereits bestehender Angebote, um effizienter arbeiten zu können und Synergieeffekte des Bündnisses bestmöglich zu nutzen. Danach folgen die Besetzung der Arbeitsgruppen und die Erarbeitung einer Leitlinie, wie das Bündnis nach außen kommunizieren werde.

Neben der notwendigen theoretischen Basis wolle OB Philipp aber eines nicht außer Acht lassen: die Eigendynamik von Projekten wie der erfolgreichen Bürgerinitiative in Eilendorf. „Wir müssen weiterhin zulassen und verstärken, dass sich Menschen pragmatisch einbringen wollen“, erklärte er.