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»Aachener Nachrichten, Seite 3: „Jeder Tag in Deutschland ist wie ein Geschenk“ am 1.04.2010«

„Jeder Tag in Deutschland ist wie ein Geschenk“

Die irakischen Flüchtlinge Mohammed und Akram haben in Aachen ein neues Zuhause gefunden. Unterwegs zum NRW-Treffen der Save-me-Kampagne.

VON SARAH SILLIUS

Aachen/Düsseldorf. Mohammed singt ein arabisches Lied. In seiner melodischen Stimme schwingt etwas Beruhigendes, Tröstendes mit. Vor etwa sieben Jahren ist Mohammed (Name geändert) aus dem Irak geflohen, seit acht Monaten lebt er mit seiner Familie in Aachen. Gerade sitzt Mohammed im Auto, zusammen mit seinem Bruder Akram (Name geändert). Mit dabei sind ihre Paten der Save-me-Kampagne Maria Schupet, Youssef Karaki und Hannes Böckler. Hannes fährt. Seine Mutter Ingeborg Heck-Böckler hat auf dem Beifahrersitz Platz genommen. Sie ist Sprecherin von Amnesty International in Aachen. Amnesty und der Katholikenrat Aachen-Stadt/Netzwerk Asyl unterstützen die Save-me-Kampagne vor Ort. Die Gruppe ist auf dem Weg in die Landeshauptstadt. Dort findet ein Treffen der NRW-Städtevertreter statt, die sich an der Kampagne beteiligen und deren Initiatoren und Paten sich austauschen wollen.

Der 20-jährige Mohammed und sein ein Jahr älterer Bruder Akram sind mitgefahren, um den Flüchtlingen ein Gesicht zu geben, um zu erzählen, wie sie sich in Aachen eingelebt haben. „Wollt ihr noch Kaffee?“, fragt Mohammed von der Rückbank aus. „Ich nehme gerne einen Schluck“, bedankt sich Heck-Böckler, von den beiden Brüdern liebevoll „Frau Inge“ genannt: „Bei euch gilt die Gastfreundschaft ja sogar beim Autofahren.“ Mohammed schraubt seine Thermoskanne auf und gießt etwas in den kleinen Becher ein. Der Kaffee ist stark gesüßt - eben so, wie man ihn in der arabischen Welt trinkt.

Zwei von 28

Die Brüder Mohammed und Akram sind zwei der 28 irakischen Flüchtlinge, die in Aachen leben – und zwei der insgesamt 2500 besonders schutzbedürftigen Flüchtlinge, die innerhalb des letzten Jahres in Deutschland aufgenommen wurden und auch hier bleiben dürfen. Die Gewalt und die Bombenanschläge im Irak haben die zwei Brüder stark traumatisiert. In das Heimatland wollen sie nie mehr zurückkehren.

Die Paten haben sich mit den beiden gleichaltrigen Brüdern angefreundet. Youssef stammt aus dem Libanon und spricht Arabisch. Manchmal ist das eine Erleichterung für die Brüder, wenn sie etwas nicht verstanden haben oder ihnen ein deutsches Wort nicht einfällt. Trotzdem lernen die beiden die deutsche Sprache gern. Fünfmal in der Woche besuchen sie den Sprachkurs und machen deutliche Fortschritte, obwohl es am Anfang oft Missverständnisse gab. „Wir waren in einem Park, da ist eine Frau hingefallen, und Mohammed hat ihr Guten Appetit gewünscht“, erzählt Akram.

Sein Bruder Mohammed lacht. Er ist der Lebhafte, Akram der Ruhige von den beiden.

Während Mohammed die Gruppe mit seinen Scherzen unterhält, wirkt Akram nachdenklich. Trotz ihrer Unterschiede verbindet die Brüder das gleiche Schicksal. Die beiden stammen aus einer sunnitisch-schiitischen Mischehe. In ihrer Heimat wurde die Familie verfolgt, floh nach Jordanien und lebte dort sechs Jahre in einem Flüchtlingslager. „In Jordanien konnten wir nicht arbeiten, nicht zur Schule gehen, nichts“, erinnert sich Akram. Der 21-Jährige denkt nicht gerne zurück, einige seiner Verwandten wurden im Irak getötet und entführt.

Akram redet lieber über die hoffnungsvolle Zukunft, die vor ihm liegt. Er will sein Abitur nachholen und Bauingenieurwesen in Aachen studieren. Auch Mohammed hat Pläne: „Auf jeden Fall Abi und eine Ausbildung machen oder studieren.“

In der Landeshauptstadt angekommen, treffen die Aachener im DGB-Haus auf Unterstützer der Kampagne aus Düsseldorf, Bonn oder Hagen. Im Austausch am runden Tisch zeigt sich schnell: Aachen nimmt in der Flüchtlingsintegration eine Vorbildfunktion unter den NRW-Städten ein. Mittlerweile haben sich in Aachen fast 400 Paten auf der Internetseite eingetragen, 50 von ihnen unterstützen die Flüchtlinge aktiv bei ihrer Integration. Mit diversen Aktionen werden die Flüchtlinge in alltägliche Unternehmungen eingebunden – und das „stets auf Augenhöhe“, betont Heck-Böckler: „Beim gemeinsamen Kochen kann jeder vom anderen etwas lernen.“ Die Flüchtlinge wurden in Aachen in Privatwohnungen untergebracht. In Düsseldorf sei das unbezahlbar, weiß Barbara Gladysch, Gründerin der „Mütter für den Frieden“ und Initiatorin der Save-me-Kampagne in der Landeshauptstadt. „Das gibt es nur in Aachen. Wie im Märchen ist das bei euch“, schwärmt sie. Den Vertretern von Amnesty International und der Save-me-Kampagne ist aber nicht nur der humanitäre, sondern auch der politische Aspekt wichtig.

Ihr größtes Ziel: Deutschland soll zum Resettlement-Staat werden. Das würde heißen, dass jedes Jahr ein Kontingent an besonders schutzbedürftigen Personen aus Krisenregionen dauerhaft aufgenommen und integriert wird. Davon hätten alle Beteiligten etwas, ist man sich in der Runde einig: Ein Flüchtling, der sich in der neuen Heimat sicher fühlt, weil er nicht wieder ausgewiesen werden kann, habe eine viel größere Motivation, sich zu integrieren.

Monika Düker, Sprecherin für Innen-, Rechts- und Flüchtlingspolitik in der Grünen-Landtagsfraktion, unterstützt die Forderungen: „Wir brauchen ein Flüchtlingsprogramm, das die Spielregeln endgültig festlegt.“

Mohammed und Akram verstehen von der flüchtlingspolitischen Diskussion zwar nicht alles, hören aber aufmerksam zu. Am Ende kommen sie endlich selbst zu Wort und erzählen, wie sie sich in Deutschland eingelebt haben: „Am Anfang waren wir glücklich und traurig zugleich. Glücklich, weil wir eine neue Heimat gefunden haben, und traurig, weil wir noch keine Freunde hier hatten.“ Dank „Frau Inge“ hätten die beiden dann aber schnell Kontakte geknüpft und Youssef und Maria kennengelernt. „Es ist sehr schön hier zu sein, das nimmt uns die Sorgen des Krieges“, fügt Akram hinzu.

Mohammed hat etwas auf einen Zettel geschrieben. Auf Arabisch spricht er die Notiz mit Youssef ab. „Jeder Tag in Deutschland ist wie ein Geschenk für uns“, sagt er dann und ist erleichtert, das, was ihm auf dem Herzen lag, ausgesprochen zu haben.

Die Deutschen sind von den dankbaren Worten der Brüder ergriffen. Es gebe dennoch weiterhin viel zu tun, appelliert Barbara Gladysch, und auch Heck-Böckler findet: „Wir dürfen uns jetzt nicht zurücklehnen, müssen weiterhin gemeinsame Ziele formulieren.“ Die Runde beschließt, sich für die Aufnahme eine Gruppe von Exil-Iranern in der Türkei einzusetzen. Für Menschen wie Mohammed und Akram.

Für Menschen, die eine zweite Chance bekommen müssen.

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letzte Aktualisierung
02.08.2010 23:01 Uhr

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