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»Aachener Zeitung, Nr 91, Seite 7 : Spezial: Wörter öffnen die Türen in der neuen Heimat am 20.04.2010«

WÖRTER ÖFFNEN DIE TÜREN IN DER NEUEN HEIMAT

SEIT EINEM JAHR LEBT KAWTHAR FARHAN AUS DEM IRAK MIT IHREN TÖCHTERN UND DER FAMILIE IHRES BRUDERS IN AACHEN. DAS EINLEBEN IN DEUTSCHLAND BRAUCH ZEIT.

von Christina Diels

AACHEN. Deutschland ist sehr schön. Und: Alles ist gut in Deutschland. Wenn Kawthar Far-han diese Sätze sagt, klingt das vor allem dankbar. Die Irakerin sitzt auf dem beigen Sofa in ihrem Aachener Wohnzimmer und denkt an das vergangene Jahr zurück. Sie spricht ganz langsam. Manchmal sucht sie länger nach dem richtigen Ausdruck auf Englisch. Und zwischendurch baut sie einzelne deutsche Wörter in ihre englischen Sätze ein. Im April 2009 ging ihre jahrelange Flucht aus dem Irak über ein Zwischenlager in Syrien endlich zu Ende. Mit ihren Töchtern Shahd, 16, und Shilan, 13, und der Familie ihres Bruders Raad kam sie nach einem Zwischenstopp im Auffanglager in Friedland und einem Empfang im Integrationsministerium in Düsseldorf nach Aachen. Als eine der ersten Familien, für die Nordrhein-Westfalen zur neuen Heimat werden soll. Kawthar Farhan ist dankbar, dass sie in Deutschland ohne Angst vor Anschlägen leben kann. Aber leicht ist das Leben in Aachen für die Frau, die aus Bagdad kommt, nicht. „Alles ist gut, aber ich vermisse meinen Mann", sagt sie traurig. „Ich brauche ihn doch hier. Ich bin allein." Und dann kämpft sie mit den Tränen.

Zeichen der Hoffnung

Weil sie die verbergen will, steht sie auf und holt eine Packung Zigaretten aus dem Wohnzimmerschrank. Der Fernseher läuft, ein deutscher Nachrichtensender ist ausgewählt. Gerade schaut Barack Obama direkt in die Kamera, so als ob er ins Wohnzimmer der Familie Farhan blicken würde. In Prag hat er mit seinem russischen Amtskollegen Dmitrij Medwedew ein Abkommen unterzeichnet, um die Atomarsenale beider Länder zu begrenzen. Der amerikanische Präsident hat von seinem Vorgänger Busch ein schweres Erbe angetreten: Iran-Krise, Afghanistan-Krieg, Gesundheitsreform, Finanzkrise - und er muss den Truppenabzug aus dem Irak meistern. Über dem US-Präsidenten, auf dem Fernsehbildschirm, flackert eine Kerze. Die hat Kawthar Farhan dort aufgestellt und angezündet. Vielleicht als Zeichen der Hoffnung, dass ihr Mann eines Tages nach Aachen kommt. Noch lebt er in Syrien. Zum Glück nicht im Irak, wo auch jüngst wieder Menschen bei Anschlägen ihr Leben gelassen haben. Kawthar Farhan genießt ihr Leben in Sicherheit in Deutschland. „Alles ist gut hier", sagt sie nochmal, nachdem sie sich eine Zigarette angezündet hat. „Aber es braucht Zeit, um Deutsch zu lernen und Kontakte zu knüpfen." Allein die Behördengänge verlangen ihr einiges ab. Beim Thema Formulare winkt Kawthar Farhan lächelnd ab. „Da fragen wir Frau Buhren", sagt sie. Doris Buhren, Sozialarbeiterin der Stadt Aachen, kennt die Familie seit dem Tag ihrer Ankunft. „Das war ein langer Abend", erinnert sich Buhren. „Das Leben hier ist nicht einfach. Das mit den Ämtern ist im Ausland nicht so kompliziert", sagt die Sozialarbeiterin. Ein bis zweimal pro Woche besucht sie die Farhans - bis heute hilft sie Formulare auszufüllen. Für Mutter Kawthar mit ihren Töchtern und auch für ihren Bruder Raad mit Frau, zwei Töchtern und Sohn, die auf derselben Etage in der Wohnung gegenüber wohnen. Die Türen stehen offen. Auf einen Sprung kommt Raad Farhan ins Wohnzimmer und begrüßt seine Schwester auf Arabisch. Dann setzt er sich kurz in einen Sessel. Er spricht weder Englisch noch Deutsch. „Nur Arabisch", sagt seine Tochter Miriam, die mit ihm das Zimmer betreten hat. Die 14-Jährige lernt genau wie ihr Bruder Josef und ihre Cousinen Deutsch in einer Förderklasse der Hauptschule Aretzstraße mit Schülern verschiedener Herkunftsländer. Kunst, Sport, Informatik, Mathe, Deutsch und Naturwissenschaften zählt sie die Fächer auf. Miriam spricht gut Deutsch. Sie versteht fast alles, nur wenn es zu schnell geht, fragt sie nach. Der Unterricht dauert von 8 bis 16 Uhr, danach macht sie Hausaufgaben. Manchmal spielt sie draußen auf der Straße. Deutsche Freunde hat sie bislang noch nicht gefunden. „Um acht Uhr schlafen hier alle", hat sie festgestellt und muss darüber lachen. Ihre Tante will wissen, was sie auf Deutsch erzählt hat. Miriam übersetzt ins Arabische. Jetzt lacht auch Kawthar Farhan und bestätigt auf Englisch. „Das stimmt, in Deutschland schlafen alle um acht Uhr." Im Irak haben sie mehr unternommen, erzählt Kawthar Farhan. Hier eine Tante besucht, da einen Onkel auf einen Kaffee getroffen. In Aachen spielt sich das Familienleben nur in der Wohnung ab. „Für meinen Bruder ist es am schlimmsten", sagt Kawthar Farhan. „Er hat keine Arbeit, muss zuhause bleiben und kann nichts tun", sagt sie. „Ich kann wenigstens aufräumen, putzen, kochen und zur Schule gehen." Seit September nimmt sie an drei Nachmittagen in der Woche Deutschunterricht, zusammen mit ihrer Schwägerin. Raad Farhan startet seinen Kurs erst im Mai. „Das ist ziemlich dramatisch, dass der absolute Anfängerkurs so gefragt ist", sagt Sozialarbeiterin Buhren. Die Neuankömmlinge werden direkt am Anfang nach ihren Lernfähigkeiten eingestuft. Vielleicht findet Raad Farhan im Kurs Anschluss. So wie seine Schwester, die eine nigerianische Mitschülerin und ihre Deutschlehrerin als Freunde bezeichnet. „Und die Caritas-Frauen, das sind alles sehr nette Frauen", sagt sie und steht auf, um einagt sie und steht auf, um eine Dose mit weißen und türkisfarbenen Minzbonbons zu holen zum Kaffee. Kawthar Farhan ist sehr gastfreundlich. Wer Kaffee oder Bonbons ablehnt, den schaut sie verständnislos an. Ihre Tochter Shilan, die sich neben ihre Cousine in den Sessel setzt, greift nach einem türkisfarbenen Bonbon. „Shilan hat ein Fahrrad", sagt Miriam. Shilan nickt. Sie versteht Deutsch, traut sich aber nicht zu sprechen. Verlegen spielt sie an ihren Ohrringen. Im Sommer, erzählt Miriam, wird Shilan in eine reguläre 5. Klasse wechseln. Miriam hofft, dass sie selbst in die 8. Klasse eingestuft wird. Dort treffen die Mädchen auf deutsche Muttter sprach ler. Kawthar Farhan zündet sich eine zweite Zigarette an und lehnt sich zurück. „Ich bin rauchen", sagt sie. Miriam schüttelt den Kopf. „Es heißt ,ich rauche'", korrigiert sie ihre Tante. Die wieder-

holt: „Ich rauche eine Zigarette «

- jetzt richtig?" Miriam nickt. Ein halbes Jahr lang habe sie kein Wort im Unterricht verstanden, erzählt Miriam. Das ist zum Glück vorbei. Nun gilt es, Nominativ, Genitiv, Akkusativ und Dativ aus- einander zu halten. „In einem Jahr sprechen wir perfekt", sagt sie und übersetzt für ihre Tante, was sie gesagt hat und lacht. Sie lacht oft. „Für die Kinder ist es einfacher", sagt Kawthar Farhan. „Für mich ist es schwer, Deutsch zu lernen, Englisch ist leichter." An Arbeiten sei nicht zu denken. Auch nicht für ihren Bruder. „Dafür brauchen wir die Sprache, das dauert noch ein, zwei Jahre." Mitunter klingt sie zwar traurig. Aber ihre positive Lebenseinstellung bleibt. Auch ohne ihren Mann tritt sie selbstbewusst auf. Im Alltag findet sie sich gut zurecht. „Einkaufen ist kein Problem mit ein bisschen Deutsch und ein bisschen Englisch." Kawthar Farhan sagt, sie fühlt sich wohl in Aachen. Auch die Kinder mögen die Stadt. Manchmal fährt sie nach Maastricht, um einen Bruder, der dort lebt, zu besuchen. Sie stellt sich ans Ufer der Maas und muss an ihre Heimat denken. Im Geiste sieht sie die Flüsse Euphrat und Tigris, die sich ihren Weg durch ihr Heimatland bahnen. „Da werde ich immer ein bisschen traurig", sagt sie und kämpft wieder mit den Tränen. Arabisch - Deutsch Kawthar Farhan trägt Schwarz. Ihre Mutter ist im März gestorben, erklärt sie. Ihr Tod mache sie sehr traurig. Auch ihr Bruder trauert. „Er ist nur noch traurig", betont seine Tochter Miriam. Kawthar Farhan schaut auf den Fernseher. Eine Vorabendserie ist jetzt im Programm. Miriam sagt, dass ihre Tante so Deutsch lernt. „Ich lese von den Lippen ab und schlage die Wörter nach", erklärt ihre Tante und zeigt ihr Wörterbuch: Arabisch - Deutsch, Deutsch - Arabisch. Wenn Kawthar Farhan im Fernsehen Bilder von Anschlägen in Bagdad sieht, macht sie das sehr traurig. „Ich hoffe auf Frieden für Bagdad", sagt sie. Und sie hofft, dass ihr Mann nach Aachen kommt. „Bitte, bitte, wir müssen alles tun. Ich bin so allein." Noch ist nicht alles gut in Deutschland.

Podiumsdiskussion heute Abend

Um Integration, Chancen und Erfahrungen geht es heute um 20 Uhr in einer Gesprächsrunde über „Neue Heimat in der Fremde!?". Zu Gast sind Integrationsminister Armin Laschet, Monika Luke, Amnesty International, und Norbert Trosien vom UNHCR in der Aula der Domsingschule in Aachen (Ritter-Chorus-Straße 1-4).

NACHGEFRAGT:

► DORIS BOHREN Sozialarbeiterin, Stadt Aachen

"Das erste Hindernis ist die Sprache"

Wie haben Sie die Entwicklung der Familie Farhan erlebt?

Buhren: Kawthar Farhan ist im Moment alleinerziehend. Und doch ist sie es, die die Familie, auch die ihres Bruders, nach außen vertritt. Sie ist eine sehr beherzte Frau. Wie alle Flüchtlinge mussten die Farhans lernen, dass die Mittel begrenzt sind.

Wie war der Empfang für Familie Farhan in Deutschland?

Buhren: Der große Empfang in Düsseldorf und später in ihrer Wohnung in Aachen war das erste positive Erlebnis für sie. Sehr positiv war auch, dass es in Aachen irakische Lebensmittelgeschäfte gibt. Und dass schon Iraker in Aachen leben. Sie haben durchaus ihre Kontakte in der Stadt.

Welche Hindernisse stehen ihrem Einleben entgegen?

Buhren: Das erste Hindernis ist die Sprache. Das fängt mit der Warteliste an, um an einem Sprachkurs teilzunehmen. Und es gibt kulturelle Unterschiede. Kawthar Farhan kann sich frei bewegen, andere irakische Frauen nicht.

Was ist ein typisches Problem von Neuankömmlingen, bei dem Sie als Sozialarbeiterin helfen?

Buhren: Ganz typisch ist der Gang durch die Behörden, gleich ab Tag 1 nach ihrer Ankunft. Was andere Flüchtlinge in drei,vier Jahren erledigen, müssen diese Füchtlinge aufgrund ihres besonderen Status am Anfang erledigen. Sie kennen die Stadt nicht, wissen nicht, wo sie hin müssen. Ich begleitete sie und bin drei Wochen nur unterwegs.

An welche positiven Erlebnisse erinnern Sie sich?

Buhren: Ein Ausflug im Doppeldeckerstadttourbus zum Dreiländerpunkt hat der Familie gut gefallen. Sehr positiv aufgenommen haben sie die Möglichkeit des kostenloses Sprachkurses. Und dass es eine kostenlose Arztbehandlung gibt, ist sehr viel wert. Das gibt es in den Herkunftsländern nicht. Und es ist positiv, dass sie in besonderen Fällen ein Pate der Save-Me-Kampagne begleitet. Da gibt es jemanden, der Arabisch spricht.

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letzte Aktualisierung
02.08.2010 22:57 Uhr

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