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Asyl-Talk bei Maischberger
An erster Stelle Menschenwürde

Von Mathias Zschaler

Sandra Maischberger hatte zum Talk über das Thema "Wut auf Asylbewerber" geladen. Und obwohl unter ihren Gästen ein potentieller Scharfmacher weilte, entwickelte sich eine erstaunlich wohltuende Diskussion mit reichlich Tiefgang.

Wie die Deutschen mit Fremden umgehen, die um Asyl anklopfen: Das ist kein neues, aber leider immer wieder aktuelles Thema. Die verstörenden, beschämenden Bilder von den Tagen des Aufruhrs um ein Flüchtlingsheim in Berlin-Hellersdorf machen es soeben deutlich. Mit gewohntem Hang zu plakativ-boulevardesker Überspitzung fragte denn auch prompt Sandra Maischberger: "Wut auf Asylbewerber - sind wir Ausländerfeinde?" Doch dann brachte sie eine Sendung zustande, die auf wohltuende Weise so gar nicht zu dem reißerischen Titel passte.

Es wurde eine jener Talkshows, die sich nicht mit einfachen Antworten begnügen, sondern auf eher unspektakuläre Weise dazu beitragen, das Bewusstsein für gesellschaftliche Probleme zu schärfen - und das, obwohl einerseits ein potentieller Scharfmacher dabei war und andererseits der Griff nach handlichen Parolen der Entrüstung allzu nahe lag.

Womöglich war es Khadra Sufi aus Somalia zu verdanken, dass von Beginn an manchem eventuellen Drang zur Pauschalisierung vorgebeugt wurde. "Es gibt auch Menschen, die mit dem Herzen denken", sprach sie, und das hätte fast ein bisschen kitschig klingen können, wäre da nicht ihre Lebensgeschichte, die etwas von einer bösen Satire hat.

Sie wuchs höchst privilegiert als Tochter eines stolzen Diplomaten in Villen mit Personal auf, mehrere Jahre in Ost-Berlin. Doch dann kehrte die Familie in die Heimat zurück, wo alsbald der für sie lebensgefährliche Bürgerkrieg ausbrach. Nach langjähriger Flucht über Ägypten landete die Zwölfjährige 1991 in einem Asylbewerberheim bei Bonn: "Jetzt waren wir arme Flüchtlinge, die um Asyl, Kleidung und Arbeit betteln mussten."

Lob für Asylgesetze

Bei Maischberger präsentierte sich die junge Frau, die selbst TV-Moderatorin geworden ist und wie ein leibhaftiges Musterbeispiel für die Bereicherung durch Zuzug anmutete, freundlich, fröhlich und ohne jede Bitterkeit und fand sogar lobende Worte dafür, dass in Deutschland alles so ordentlich und gründlich geregelt ist, auch die Asylgesetze, vor denen nun mal alle Bewerber gleich seien.

Dass bei deren Handhabung vieles ganz falsch läuft, was das Agieren der Politik und das Verhalten von lokalen Verantwortlichen wie Anwohnern betrifft, wurde allerdings ebenfalls in der interessant gemischten Runde kaum bestritten. Und auch darüber, wo ihre Ursachen liegen, waren die Teilnehmer sich weitgehend einig - ob Praktiker wie der Berlin-Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky oder Spezialisten für Grundfragen der politischen Moral wie der Publizist Michel Friedman. Integration findet offenkundig nicht statt, weder in Bezug auf die Behandlung derer, die aus blanker Not und Krieg herkommen und nichts mehr haben als ihr Leben, noch im Hinblick auf diejenigen Deutschen, die oftmals unfreiwillig zu Gastgebern werden.

Die ARD-Journalistin Caroline Walter, die zwecks einer Reportage vier Wochen in einem hessischen Asylbewerberheim zubrachte, wusste aus diesem harten Selbstversuch Bedrückendes beizutragen darüber, wie es sich unter menschenunwürdigen Bedingungen lebt, mit dem üblichen unsinnigen Arbeitsverbot belegt und angefeindet von den Ansässigen. Doch es war das Verdienst dieser Diskussion, dass man es sich nicht so leicht machte, die regelmäßig aufflammenden Affekte, Aversionen und Überfremdungsängste, so irrational sie sein mögen, gleich unter der Rubrik Rassismus einzuordnen und alle Gegner von Asylbewerberheimen zu Nazis zu stempeln.

"Schutz der Menschenwürde an erster Stelle"

Nein, Deutschland sei nicht ausländerfeindlich, lautete der einhellige Befund, lediglich mit der Friedmanschen Einschränkung, dass es sehr wohl einen quantifizierbaren Rassismus gebe. Aber man müsse auch die Ängste ernst nehmen, die in erster Linie soziale Ursachen haben. Journalistin Walter berichtete von einem Anwohner, der unumwunden zugegeben habe, dass er auf Asylbewerber neidisch sei, weil diese Geld bezögen, ohne zu arbeiten. Und Buschkowsky erinnerte daran, wie sehr nicht nur die Angst vor dem Fremden, sondern auch soziale Ängste und Neidgefühle seit jeher dem Menschen eigen seien. Auch zu den Zeiten der deutschen Teilung seien die DDR-Flüchtlinge, "die Brüder und Schwestern von drüben", ja nun nicht immer und überall mit offenen Armen empfangen, vielmehr missgünstig beäugt worden.

So wurde denn einiges gerade und in die richtigen Relationen gerückt, auch mit Hinweis darauf, dass es sich bei den in diesem Jahr zu erwartenden 100.000 Asylbewerbern - zum Teil aus dem Krisenland Syrien - keineswegs um einen "Zustrom" handelt, schon gar nicht gemessen an den weltweit 45 Millionen, die ständig auf der Flucht vor Not und Tod sind.

Lediglich der Schweizer Philipp Gut, Vize-Chefredakteur der "Weltwoche", die einmal linksliberal war und zum rechtspopulistischen Kampfblatt gewendet wurde, versuchte verschiedentlich, dem Gesprächsverlauf seine eigene notorische Note zu verpassen, indem er den Fokus auf die angeblich steigenden Kriminalitätsraten im Umfeld von Asylbewerberheimen richtete. Doch damit kam er an diesem Abend nicht weit und wurde merklich zurückhaltender.

Irgendwann musste selbst er ein paarmal zustimmend nicken - spätestens, als man bei solchen Grundsätzlichkeiten angelangt war wie der, dass es sich beim Asylrecht um ein Grundrecht handelt und bei denen, die es beanspruchen, nicht um "die Asylanten", sondern um einzelne Individuen, um Menschen mit Wünschen und Träumen.

Es gab eine kleine bezeichnende Szene für den Geist, der bei dieser gelungenen Veranstaltung vorherrschte. Als in einem Einspieler ein Mann über Asylbewerber sagte: "Die passen nicht in unser System", kommentierte Friedman spontan: "In unserem System gibt es ein Grundgesetz, in dem der Schutz der Menschenwürde an erster Stelle steht."