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Flüchtlingsgipfel in Essen: "Die Bevölkerung ist weiter als die Politik"

Am Montag (20.10.2014) findet in Essen ein landesweiter Flüchtlingsgipfel statt. Mit dabei ist auch Ingeborg Heck-Böckler, Vertreterin von Amnesty International. Sie hat vorab mit WDR.de gesprochen - über die Scham der Flüchtlingskinder und die späte Reaktion der Politik.

WDR.de: Was erwarten Sie als Amnesty-Landesbeauftragte für politische Flüchtlinge von dem morgen stattfindenden Gipfel?

Ingeborg Heck-Böckler: Erst einmal hoffe ich, dass noch mehr Transparenz hinsichtlich der Geschehnisse in den Flüchtlingsunterkünften hergestellt wird. Darüber hinaus müssen wir uns aber in einem größeren Rahmen mit dem Thema Unterbringung von Flüchtlingen in Deutschland befassen. Da wurde in der Vergangenheit nicht mit Weitblick an die Situation herangegangen. Obwohl längst klar war, dass wieder mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen werden, wurden beispielsweise Unterkünfte geschlossen.

Außerdem wünsche ich mir, dass die Menschen sich für ihr Zuhause nicht mehr schämen müssen. Ich kenne Flüchtlingskinder, die sich gar nicht trauen, jemanden aus der Klasse einzuladen, weil ihre Unterkunft so schrecklich ist und sie Angst vor der Stigmatisierung haben. Es geht aber eben nicht nur um das Dach über dem Kopf, sondern um einiges mehr – wie beispielsweise um Kontakt zu der örtlichen Bevölkerung und die Ermöglichung von Schulbesuchen und Deutschkursen.

WDR.de: Um kurz bei den Unterkünften zu bleiben. Haben Sie selbst einige kennengelernt?

Heck-Böckler: Ja, es gibt Unterkünfte, die haben Jugendherbergsstandard, das ist einigermaßen in Ordnung. Es gibt aber auch Unterkünfte, die mit unseren Standards nichts mehr zu tun haben. Zum Teil werden die Flüchtlinge ja auch in Hotels untergebracht. Da sagen viele, dass das doch angemessen ist. Aber auch dort kommen die Menschen nicht zur Ruhe. Sie haben dort keine Möglichkeit, zu kochen und auch keine Privatsphäre. Darüber hinaus gibt es Einzelfälle, die nicht akzeptabel sind. Ich habe zum Beispiel eine Frau aus Eritrea betreut, die in einer Unterkunft leben musste, in der nur Männer gelebt haben.

WDR.de: Sie sind schon lange aktiv in der Flüchtlingsarbeit. Wie sind Ihre Erfahrungen bezüglich der Entwicklung in den letzten Jahren?

Heck-Böckler: Es ist eindeutig immer schwieriger geworden, menschenwürdige Unterkünfte zu finden. Aus Aachen kann ich berichten, das die Mitarbeiter der Stadt sich wirklich bemühen. Aber beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ist es zum Beispiel nur sehr schwer möglich, jemanden telefonisch zu erreichen - die Mitarbeiter sind alle überlastet. Wenn Deutschland sich aber bereit erklärt, Flüchtlinge aufzunehmen, muss man sich darauf eben auch vorbereiten. Da gibt es handwerklich einiges nachzubessern.

WDR.de: Meist ist man in solchen Situationen ja schnell dabei, der Politik sämtliche Verantwortung zu übertragen. Wie ist es mit der Bevölkerung vor Ort? Kann die auch dazu beitragen, dass das Leben von Flüchtlingen in Deutschland erträglicher wird?

Heck-Böckler: Die Bevölkerung ist da möglicherweise schon weiter als die Politik. Ich registriere eine hohe Bereitschaft, zu unterstützen. Das habe ich lange nicht so wahrgenommen wie zur Zeit. Zum Beispiel gibt es die bundesweite Kampagne "Save me". Da stellen sich Menschen als Paten für Flüchtlinge zur Verfügung, und in Aachen haben wir zur Zeit jeden Tag jemanden, der dazu kommt und damit deutlich macht, dass er oder sie eine andere Flüchtlingspolitik will. Noch ein Beispiel: Letzte Woche habe ich ein Interview gegeben und darüber berichtet, dass die Suche nach Unterkünften ein Problem ist. Daraufhin hat kurze Zeit später eine Familie angerufen und ihr Ferienhaus zur Verfügung gestellt. Auch aus anderen Städten in NRW weiß ich, dass die Leute sich mehr und mehr zusammenschließen, um Flüchtlinge zu unterstützen. Diese Stimmung in der Bevölkerung müssen Politiker aber auch wahrnehmen.

WDR.de: Sie waren kürzlich mit einer Delegation von Amnesty International auf der italienischen Insel Lampedusa. Dort stranden viele Flüchtlinge, auf ihrem Weg nach Europa. Was für Eindrücke haben Sie von dort mitgenommen?

Heck-Böckler: Ich fand die Hilfsbereitschaft der Menschen dort vor Ort sehr beeindruckend. Ich habe nirgends eine Haltung wahrgenommen, die aussagte, dass die Leute die Nase voll haben von Flüchtlingen, sondern es gibt dort stattdessen die Haltung: Wir wollen keine Toten mehr. Eine Frau hat beispielsweise kürzlich einer Ordensgemeinschaft, die sich um Immigranten kümmert, ihr Haus vererbt – unter der Bedingung, dass dort Flüchtlinge unterkommen. Das alles hat mich sehr motiviert, auch für mein eigenes Engagement hier in Deutschland.

Das Gespräch führte Nina Giaramita.

http://www1.wdr.de/themen/politik/fluechtlingsgipfel102.html